Die eineiigen Zwillingsbrüder Gustavo und Otávio Pandolfo, weltweit bekannt unter ihrem Künstlernamen Os Gêmeos (portugiesisch für „die Zwillinge“), sind die prägenden Wegbereiter der brasilianischen Street-Art-Szene. Geboren 1974 in São Paulo, entwickelten sie in den 1980er-Jahren unter dem Einfluss der aufkommenden Hip-Hop-Kultur eine völlig eigenständige visuelle Sprache. Da Spraydosen für sie anfangs unerschwinglich waren, arbeiteten sie pragmatisch mit Pinseln, Rollern und herkömmlicher Fassadenfarbe – ein technischer Umstand, der ihren charakteristischen, malerischen Stil maßgeblich mitbegründete. Eine wegweisende Begegnung mit Barry McGee im Jahr 1993 bestärkte sie darin, ihre Techniken weiter zu verfeinern und international zu expandieren.
Das Werk der Zwillinge ist untrennbar mit ihrer gemeinsamen Traumwelt und dem Unterbewusstsein verbunden. Ihre ikonischen, gelbhäutigen Figuren mit großen ovalen Gesichtern bevölkern oft surreale Architekturen, die als Portale in eine fantastische Realität dienen. Bemerkenswert ist ihre intuitive Arbeitsweise: Os Gêmeos verzichten meist auf Skizzen oder feste Pläne und lassen die Farben und Formen direkt aus der Intuition auf die Fläche fließen. Dabei beschränkt sich ihr Schaffen nicht auf die Straße; ihr Portfolio reicht von feinen Zeichnungen und Gemälden bis hin zu monumentalen Skulpturen und interaktiven Installationen.
Weltweite Aufmerksamkeit erlangten sie durch spektakuläre Großprojekte, wie die Gestaltung eines Flugzeugs für die brasilianische Nationalmannschaft oder das „Whole Train“-Projekt, bei dem sie Züge in rollende Kunstwerke verwandelten. Auch in Deutschland hinterließen sie bleibende Spuren, etwa mit dem Projekt „We come at night“ in einem Wuppertaler Tunnel oder durch Murals im Münchner Werksviertel. Für Os Gêmeos hat Kunst stets eine tiefere Funktion: Sie soll die menschliche Imagination anregen und zur Selbstreflexion über Themen wie soziale Gerechtigkeit oder historische Veränderungen anstoßen.